Reviews from Regensburg 2012

Wohin mit den Klängen?

Regensburg (DK) „Die Zeit der Virtuosen ist vorbei“: Der Geigenbauer, sein Sohn und die Buchhalterin haben sich damit abgefunden. In einem bunkerähnlichen Keller, in dem nur noch ein paar verstaubte Instrumentenkästen und Werkzeuge an einstige Produktivität erinnern, rollen sie in Schlafsäcken über den Boden.

Und nun„Virtuose“ Falko Hönisch – Foto: Theater Regensburg

Draußen herrscht offenbar Krieg, ab und an erschüttert eine Angriffswelle das Gemäuer, von dessen Decke es rieselt.

Doch Sascha Gratzas kaltes Bühnenbild für die Inszenierung der Kammeroper des Dänen Lars Klit am Theater Regensburg weist auch einen Weg hinaus. Eine Art eckiger Trichter aus Holz ragt aus der Betonwand, als würde er die Reste an Instrumentenklang bündeln und nach außen tragen wollen. Schließlich erscheint er doch, der letzte Virtuose, und will seine Violine für einen offenbar alles entscheidenden Auftritt wieder zum Klingen bringen. Das Geheimnis freilich, das sich dahinter verbirgt, ist ein grausiges.

Die Zutaten für die 1994 uraufgeführte Kammeroper sind nicht sonderlich originell. Was der unbekümmert zwischen Zwölftonpassagen (an Alban Bergs Violinkonzert angelehnt), angezerrter Stromgitarre, Signaltrompete und Jazzschlagzeug changierende Komponist indes in der einstündigen Partitur an minimalistischer Intensität aufbaut, ist beachtlich. Die zunächst eher heterogen zusammengestellten, filmmusikalisch gedachten Elemente schichten sich allmählich zu einem sogartigen Kontinuum. Den ersten, beinahe thrillerartigen Twist der Geschichte – der geistig zurückgebliebene Sohn opfert sich für das Mädchen, dessen ausgehauchte Seele das Instrument wieder mit Leben erfüllen soll – bereitet die Musik mustergültig vor.

Der leicht schäbige Sound lässt mitunter allerdings eher eine entsprechend verlebte Stimme à la Tom Waits erwarten. Dass sich stattdessen dramatischer, in der Linienführung nicht sonderlich spezifischer Operngesang darüberlegt, wirkt nicht durchwegs zwingend, auch wenn die Besetzung mit Mirella Hagen, Misaki Ono, Falko Hönisch und Kai Günther hervorragend ist. Charakteristisch immerhin die großen Sprünge, die Klit dem Sohn vorbehalten hat (Brent Damkier meistert sie bravourös) und die rhythmisch gesprochenen Passagen, die sich bisweilen zu polyphoner Mehrstimmigkeit überlagern.

Regisseurin Mareike Zimmermann tat gut daran, das Kammerspiel nicht mit Symbolik zu überfrachten. Mit wenigen Gesten und Blicken lässt sie die Handlung in einem beunruhigenden Schwebezustand zwischen Albtraum und Parabel. Auch das Ende bleibt offen: Die junge Frau entschwindet durch den Trichter, während der Virtuose die Violine und ein Messer ratlos in den Zuschauerraum hält.

Bleibt die Geige auf der Bühne stumm, so erklingt sie aus dem Seitenraum des Theaters am Haidplatz umso intensiver. Dong-Ae Han erfüllte den Solopart mühelos mit Leben, das siebenköpfige Ensemble des Philharmonischen Orchesters unter der Leitung von Gelsomino Rocco stellte die dramatische Wirksamkeit dieser originellen Partitur unter Beweis.”
Von Juan Martin Koch, Donaukourier 09.04.2012

Klassik.com, 10.04.2012
http://magazin.klassik.com/konzerte/reviews.cfm?TASK=review&PID=4726
‘Der letzte Virtuose’ in Regensburg
Blutige Töne
Am Eingang zur Studiobühne des Theaters am Haidplatz in Regensburg bekommt man einen Programmzettel überreicht. Der Zettel kündigt ein Kammerkonzert an: “Virtuose Violine”. Darin finden sich ein paar schlichte Scherze, etwa eine Solosonate für die linke Hand, “Paisiello-Variationen” von Paganini oder von einem barocken Herrn Rocco Gelsomino ein Pasticcio virtuoso der Oper “Il ritorno del violonista in patria”. Unschwer zu erraten, spätestens beim Blick ins Programmheft: Gelsomino Rocco ist ein junger Mann, lebt derzeit in Regensburg und ist der Dirigent der 1995 uraufgeführten Kammeroper ‘Der letzte Virtuose’ des dänischen Komponisten Lars Kilt, die jetzt in deutscher Fassung in Regensburg ihre Premiere feierte.
Wer dennoch ein Virtuosenkonzert erwartet, merkt spätestens beim Auftritt des Virtuosen, dass er einer freundlichen Irreführung des Publikums aufgesessen ist. Der Virtuose bringt keinen Ton heraus. Er leidet an einer Spielhemmung, flüchtet quer durch den Saal und macht sich auf die Suche nach einem neuen Instrument. “Die Zeit ist durchlöchert”, heißt es im Text von Sanne Bjerg, den Patrice Chopard übersetzt hat. Und was wir jetzt erleben, das sind wohl – weiter im Text – “unglückselige Episoden”. Der Ort ist irgendwo und außerhalb ist Krieg: ein Bunker, ein Betonverlies. Nur sonderbar: Ein Schacht aus edlem Holz führt da hinein, etwa den Virtuosen. Denn in der bombensicheren Absteige haust ein Geigenbauer mit Sohn und Buchhalterin. Der Handwerkskünstler ist besessen, arbeitet mit blutenden Händen. Die Buchhalterin zählt und ordnet Geigenkästen und singt dem vernagelten Ungeheuer immer nach dem Munde. Der Sohn ist naiv und zurückgeblieben, ein williges Opfer für Zorn und Bosheit des Vaters. Außen Beton, innen Beton, darüber Krieg, und schon bröckelt es bei Erschütterungen bedenklich im Bunker.
Das alles kümmert einen wahren Virtuosen nicht; er will ein Instrument und edle Töne verbreiten, mag die Situation noch so unedel sein. Das Instrument könnte der Meister bauen, nur bracht er eine Seele. Die muss von einem Menschen sein, und ein solcher muss dafür sterben. Da flüchtet sich, gerade recht zur Zeit, ein Mädchen in den Bunker. Es soll sterben für den schönen Ton. Da regt sich Widerstand beim Sohn. Er will sein Leben geben für das schöne, zarte Wesen, was er auch tut in der Regensburger Inszenierung von Mareike Zimmermann auf der betonierten Bühne von Sascha Gratza. Die dänische Dichterin hatte es anders vorgesehen: In ihrer Fassung stirbt das junge Mädchen, was auch Lars Kilt so komponiert hat, denn wenn der Virtuose wieder seinem Instrument die edlen Töne entlockt, dann erinnern die in einer betörenden Kantilene nicht ganz von ungefähr an Momente aus Alban Bergs Violinkonzert, das er dem Andenken eines Engels gewidmet hat.
Auch sonst findet der 1965 geborene Komponist eingehende Varianten der Charakterisierung von Situationen und Menschen. Dem naiven und gehemmten Sohn ist ein tief gesetzter, gedämpfter, jazziger Trompetensound zugeschrieben, der sich mit der Emanzipation des jungen Mannes öffnet. Bei Anklängen von Gewalt sind rockige E-Gitarren-Klänge zu vernehmen, aber auch melancholische Blues-Passagen stehen Schlagwerk-Härten gegenüber. Der Lichtgestalt des Mädchens gibt ein Glockenspiel fast märchenhafte Klangpräsenz. Gesanglich ist das Ensemble gefordert, manchmal, beim Mädchen oder dem Jungen, in sehr hoch gelegten Passagen auch mit Klischees dessen, was man bei modernen Opern erwartet. Für die Sopranistin Mirella Hagen und den Tenor Brent L. Damkier gibt es da aber keine Probleme. Die Mezzosopranistin Misaki Ono ist eine dienstbare Buchalterin, der Bass Kai Günther gibt die Charakterstudie des besessenen Sonderlings und Falko Hönsch, im männlich edlen Baritonfach, ist der Virtuose, dem der schöne Klang über alles geht.
Dazu sieben Mitglieder des Philharmonischen Orchesters Regensburg unter der Leitung von Gelsomino Rocco, in zwei Gruppen auf den Seitenbühnen, unsichtbar fürs Publikum. Das erfordert vom Dirigenten Präzision, denn die Sänger folgen ihm einzig über Monitore. Für Rocco, der sich schon in Dresden als Anwalt des Neuen einen Namen machte, bedeutet das kein Problem. Das Publikum folgt dem interessanten Angebot aufmerksam und feiert mit starkem, herzlichem Applaus das gesamte Ensemble.

Kritik von Boris Michael Gruhl

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